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Bolzano-Husserl. Ein Rückblick
Michael Benedikt
Der Rückblick einer Epoche ist - gemessen an seinen Utopien und entworfenen Möglichkeiten - immner auch schon ein Rückblick auf die verlorene Zukunft: vor allem das indolente und Einbildung statt Bildung Vergeuden und Verbauen der jeweiligen Möglichkeiten, vor allem in der Wahl der den empirischen Charakter einer sich je vergrößernden Gesellschaft, anstatt eben diesen empirischen Charakter zu erweitern. Wir nennen diese indolente Einbildung seit der Französischen Revolution und Destutt de Tracys eigene Verbildung , später und dominant auch seit Marx´Frühschrift über die Deutsch ( gegenüber den ökonomisch gesinnten Engländern und den politisch orientierten Franzosen) Ideologie: Jene Lüge der Perversion unserer menschlichen Möglickeiten, an die der Lügner auch noch glaubt. Diese Ideologie verhindert aber die seit den spärlichen aber immerhin genügend ausgeprägten Bildungen des Verhältnisses des Lagrange-Leibniz-Helmholtz-Meyer-Mach-Boltzmannschen Grundgesetzes der Naturwissenschaften von den kleinsten Effekten bei größter Wirkung und des seit Kant formulierten Handlungsgesetzes der größten Leistung bei kleinster Wirkung ihre Konkretisierung im sich je und je erweiternden empirischen Charakter unseres Gattungswesens: Under der Bedingung zwar, daß die Resultate des ersten Grundgesetzes durch die Folgebestimmungen der genannten Handlungsregel funktionalisiert, in Dienst und nicht theologisch, vielmehr menschlich-künstlerisch umgestaltet werden können. Die Einbildung, dies erst durch bloß ökonomisch-institutionell-technische Verbindlichkeit veranlassen zu können, dies ist nach Günther Anders die Ursache für die sogenannte "Antiquiertheit des Menschen", da wir, sogar als Gattungswesen, wie Adorno fälschlich meint, durch "die große Industrie" zuschanden geworden sind.
1) Nun aber zur Sache unseres Rückblickes selbst. Es geht zusammenfassend um eine konkretere Auskunft, den Bogen, der von Bolzano bis Husserl vorgegeben ist, noch einmal zu nach seinem Ursprung zu prüfen und zu spezifizieren. Ein für alle Mal: im § 73 des Anhanges zu den Wiener (und Prager) Vorträgen von Husserl steht ausdrücklich, daß der Traum der Philosophie als strenger Wissenschaft ausgeträumt sei. Dies hat einiges zu bedeuten, trifft es, zumindest oberflächlich, ja nahezu mit jener Aussage Emges in Berlin 1937 zusammen, daß nun die Inkubationspreriode der strengen Philosophie Descartes´ seit dreihundert Jahren (ungefähr der Zeitraum, den er für die Verwirklichung seines - zweiten rationalistisch, konstruktivistisch und ontotheologisch orientierten - Programms angesetzt hatte) zu Ende sei und jetzt die Phase etwa im Sinne von Konrad Lorenz anbreche, daß nunmehr das ontogenetische a priori nichts anderes als ein pylogenetisch, eben auch rassenbedingtes a posteriori zu begreifen ist. Dies stellt ein Kardinalproblem für die Epoche von Bildung und Einbildung dar: Entweder Philosophie als strenge Wissenschaft, und zwar unterschieden von den Natur-, Gesellschafts- und Geisteswissenschaften, oder aber Philosophie bloß als Demarkation jener Disziplinen untereinander und gegenüber dem Irrationalen und seinen genuien Formen des Ausdruckes, von denen einige wieder der strukturell orientierten Geisteswissenschaft oder aber dem naturontologischen Idiom anheimfallen dürften, ganz zu schweigen von der Möglichkeit der schon von Comte eingeleiteten Soziologisierung der Wissenschaften in seiner "Politique positive". Der einzig mögliche dritte Weg einer methodischen Ausarbeitung einer "anthropologia transcendentalis", von Cassirer versucht, ist noch ffen und das versäumte Desiderat dieser Epoche, welche es versäumt, politisch ihre eigene Zeit in Gedanken zu fassen, nämlich die Epoche der seitens Maschinen erzeugenden Maschinen auf die Motivation der Populationen wirkenden "invisible hand". Demgegenüber ist also der offiziellen Staatsphilosophie zu Zeiten Bolzanos, nämlich der Herbart´schen Bildungsmaxime, welche sich anstelle der Marx´schen Revolution der bürgerlichen Gesellschaft als Metaideologie gegenüber eines eben zu bildenden Bürgertums darstellt, die moderne Konzeption von zwei einander ergänzenden gegenwärtigen Staatsphilosophien gegenüberzustellen:
a) die Naturontologie des trial and error Schemas Poppers, das aus der Einstein-Holtonschen Konzeption des EJASE - Modells zu entwickeln ist. Popper hat dieses Modell sowohl für die Selbstanwendung der Naturwissenschaften, für die Gesellschaftswissenschaften und für die Geisteswissenschaften konzipiert und ihm eine dem Falsifikationsschema nicht unterworfene naturalisierte quasi-platonische Dreiweltenlehre entgegengesetzt.
b) Nachdem Popper dieses Modell nicht ausdrücklich für eine fundierende transzendentale Anthropologie ( I. Kant AA XV/I, Refl.903) begreift, müssen wir uns nach einer komplementären Fundierungsstrategie der Methoden der Naturwissenschaften, der Gesellschftswissenschaften, der Geisteswissenschaften, umsehen. Diese beruht in der Kompensationstheorie des Triebüberschusses und seiner Sublimierung durch Arnold Gehlen; mittels dieser, ebenfalls naturalistischen Theorie vermeint er die institutionellen Formen der Vergesellschaftung, die Zwangsformen der Naturbeherrschung und die uns von uns selbst entfremdeten ( man vergleiche seine Freud-Deutung) Fehlleistungen durch entsprechende Bildertheorien einholen zu können. Es ist aber kein Wort über den Zwiespalt des jeweils sich verengenden und sich erweiternden empirischen Charakters damit ausgesagt, welchen sogar Jakob Taubes mit seinen "gegensterebenden Fügungen" als Basis einer duch Natur-Geschichte gebrochenen Formierung durch unseren intelligiblen Charakter bloß voraussetzt.
2) Es geht also einerseits um eine neue Spezifikation der Methoden der Naturwissenschaften, der Gesellschaftswissenschaften und der Geisteswissenschaften und deren kritisch-anthropologische Fundierung. Daß diese durch einen Bogen von traditionsbedingten Übernahmen von ideologischen "Blendungen" behindert ist, bedeutet nicht, daß eine Sezession der Vernunft nicht dem von mir verlangten Umkreis darzustellen unmöglich ist. Ich setze mit einigen meiner Mitarbeiter voraus, daß Kant schon in seiner ersten, grundlegenden Kritik vier Kanones, gleichsam kanonische Gleichungen, aufgestellt hat, deren erste und vierte als Sezession noch zu seinen Lebzeiten auseinandergebrochen ist.
a) Der erste Kanon, den Reinhold zu einer analytischen Einheit von Vorstellungen methodisch zusammengezogen hatte, ist der Kanon des Verstandes und heißt: "Dieselbe Funktion, welche den verschiedenen Vorstellungen in einem Urteile Einheit gibt, die gibt auch der bloßen Synthesis verschiedener Vorstellungen in einer Anschauung Einheit, welche, allgemein ausgedrückt, der reine Verstandesbegriff ist". ( B104 f.) Die Methode bestände nun darin die Handlung jenes Urteilens aus den relationalen Handlungen und ihren Verbalisierungen entsprechend herauszulösen und sie in die modalen Voraussetzungen unserer je verschiedenen Handlungsstruktur einzubringen. Selbstverständlich hat sich Kant hier, wie aus seiner Logikvorlesung und auch einigen Bemerkungen in der weiteren Analytik hervorgeht von einem Klassen- zu einem Aussagenlogiker gemausert.
b) Der zweite Kanon heißt nach A: Die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung überhaupt sind zugleich die Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung" (A111) und betreffen zugleich die Zeit, welche Reihe und Inhaltlichkeit der Erscheinungen ermöglicht als auch diejenige (reversible Zeit, einer Erscheinung, welche durch Ordnungsformen wie Existenz als Permanenz, Ereignis oder Zusammensein determiniert ist. Die Stelle nach Ausg. B ist erst im Ansatz der alle Erfahrungsordnung bedingenden Grundsätze B 197 vorgestellt.
c) Der dritte Kanon betrifft einen Begriff der Selbstorganisation im Verhältnis von Zufall und Wechselwirkung, deshalb auch gemäß zwei prinzipiell differenzierten Zeitordnungen:"welcher Begriff der Forderung unserer Vernunft in der Ersparung der Prinzipien günstig, in sich selbst keinem Widerspruch unterworfen und selbst der Erweiterung des Vernunftgebrauches mitten in der Erfahrung, durch die Leitung, welche eine solche Idee auf Ordnung oder Zweckmäßigkeit gibt, zuträglich, nirgend aber einer Erfahrung auf entschiedene Art zuwider ist." B 651. Es wird hier also eine Wechselbeziehung zwischen Entropie und Negentropie als kompsatibel mit einer reversiblen Zeitordnung als möglich gesetzt.
d) Betrifft denjenigen Kanon der reinen Vernunft, welchem zuerst der Schein einer bloß spekulativen Auflösung genomen wurde, welchen Bolzano und einige seiner Nachfahren mit Bezug etwa auf die Schematisierung des Ideals als Raum dargestellt hatten. Kant hingegen läßt sich auf diese so dringend nötige Spekulation nicht ein und setzt sein Occam´sches Messer in Bewegung, um - entgegen Habermas - den Schein, daß unser Ideal am weitesten von der Erfahrung entfernt sei, aufzudecken: "Die reine Vernunft enthält also, zwar nicht in ihrem spekulativen, aber doch in einem gewissen praktischen, nämlich dem moralischen Gebrauche, Principien der Möglichkeit der Erfahrung, nämlich solcher Handlungen, die den sittlichen Vorschriftenn gemäß in der Geschichte des Menschen anzutreffen sein könnten... Demnach haben die Principien der reinen Vernunft, in ihrem praktischen, namentlich aber dem moralischen Gebrauch, objektive Realität" B 835.
3 a) Durch den Jesuiten- und Barnabitenzögling Reinhold, später Professor in Jena und Kiel, erhält aber der erste Kanon eine vorstellungsimmanente Valenz, welche sich auf keinen der übrigen Kanones beziehen kann und welche bis Brentano, Husserl und die sprachanalytischen Neopositivisten reicht, ganz abgesehen von Hegels Vereinnahmung Reinholds in seiner Differenzschrift und dessen Depotentialisierung durch Herbart, durch Zimmermanns vergleichende Ontologisierung von Herbarts zusammen mit Rückkehr in das bloße S-P Schema Leibnizens und in Distanzierung der Kant´schen Aussagenlogik (Vgl. L. Menzel aus der Berka-Schule). Statt des neuen Kanon wird Assoziation ( G. Ryle), statt der Synthesis Dialektik (G. Martin, G. Lehmann) eingeführt.
b) Diesem Sezessionismus der Vorstellungslogik steht nun diejenige der auch inhaltlich relevanten Logik des Ideals gegenüber, welche Bolzano sowohl gesellschaftsethisch ( auch gegen Kants komplexe Religionsphilosophie) wie auch nach Formen der Selbstorganisation und Grundlegung der Mathematik ( Vgl. J. Sebestik) bis zu einer Bedeutungslehre, welche eben die Synthesis der Vorstellungskonzeption ersetzt, herunterbestimmt.
c) Hierbei werden die Kanones der Erfahrungssynthesis, sowohl ihrer Bedeutungs- Demarkations als auch Wahrheitsbegründungstheorie so übersprungen, daß diese zum Freiwild der Einzelwisssenschaften und ihrer auch enzyklopädisch vernetzten Einäugigkeit ( AA. Refl. XV/I 903) wird.
d) Von nun an ist sowohl der zweite als auch der dritte Kanon eradiert, mystifiziert und exkludiert, der vierte Kanon ( zugleich 2. Kap. d. II. Hauptteiles d. Kant´schen Systematik) negligiert, vielmehr durch eine bloß technisch-pragmatische und ökonomische Form eben dieses vierten Kanons ersetzt, wie man dies bestens bei Ernst Mach und seiner Analyse der Geschichte der Mechanik nachlesen kann.
e) Dieser Sezessionismus richtet sich aber auch, wie zuvor eingesehen, gegen die fundamentalanthropologische Kritik Kants selbst, der die drei Hauptmethoden (von Natur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften), als Momente menschlichen Gattungswesens ( Kant, Herder), Naturell, empirischer Charakter, seine Verengung oder Erweiterung bzw. Siublimierung durchWerke, schließlich der intelligible Charakter als Fundierung jedweder gesellschaftlicher Synthesis, entsprechen können.
4) Im Hintergrund dieser Auflösung oder Sezession baut sich diejenige Version der Romantik auf, welche frei nach Schiller behauptet: Nachdem die Befreiung des politischen Menschen - vor allem durch den Verrat der Ersetzung der fraternité durch die securité de la proprieté) mißglückt, ist es an der Zeit, den ganzen Menschen durch Poesie zu bilden. Im Hintergrund also jener Auflösung steht auch jene österreichische Romantik von Schlegel bis Eichendorff, als die von Alois Dempf so benannte Wiener Schule: Friedrich Schlegel, der Bäckerjunge aus Znaim, Hofbauer, Adam Müller, Anton Günther und Carl Werner. Dempfs These nun ist folgende, daß die einmal durch die Wissenssoziologie Schelers verstärkte Tradition und durch Webers Entzauberung hindurchgegangene Expression jener ersten Wiener Schule sogar die Hegelsche postphänomenologische Philosophie aufzuznehmen vermag. Diese vermag ihrerseits, in der Überwindung der Phänomenologie, sogar die Dialektik der Erfahrung des linguistischen Neoposditivismus zu vereinnahmen. Es ist allerdings, nicht zuletzt durch Voegelins Kritik derartiger Hegelscher Transformationen, vorläufig um die nicht unbeachtliche österreichischre Romantik ruhig geworden, nmentlich da Roger Bauers Konzept nicht an die Realität der gewaltigen Spannung Deutschösterreichs als alter Reichsträger und neues bloß natrionales Zentrum in politische und ökonomische Zwangslagen in den Blick kam, welche der Liberalismus der ersten Wiener ökonomischen Schule mit seiner Grenznutzentheorie gegenüber Marxismus hier und durch wie immer verspätetes Rerum Novarum da, vor allem durch die makroökonomischen Umstände weithin überholt wurde. Bolzanos Büchlein vom bestenn Staat steht hier in einem Zwiespalt, welcher im Zeichen der natürlichen Gesellschaft hier, den beiden ersten gesellschaftlichen Revolutionen da ( G. Anders, Leibniz), nicht ganz zurande kommt.
5) Als ein weiterer Hintergrund läuft eine Kant-Rezeption, eher von Wissenschaften als von der Philosophie selbst ausgehend, die allerdings den Übergang aus dem wohl kritisierten jeweiligen Doktrinalen nicht immer die Stirn zu bieten vermag.
a) Zunächst ist an Franz von Zeiller zu erinnern, dessen aktive Tätigkeit zwar bloß in den Anfsang unserer betrachteten Periode hineinreicht. Nicht aber sein Werk: Obwohl er zusammen mit Sonnenfels darin Schiffbruch erlitten hat, daß das zum Vernunftrecht transformierte allgemeine natürliche Privatrecht durch eine Sanktionierung seitens des Staatsrechtes in eine Einheit mit diesem gebracht wird: So ist doch sein opus magnum, das österreichische ABGB, von seiner Planung her schon ein Kodifizierungsprojekt seit den Hofräten Karls VI. und Maria Theresias, noch bis auf den heutigen Tag in wesentlichen Teilen in Geltung, wie zuletzt Selb in einem hervorragenden Sammelband nachgewiesen hat. Interessant ist, daß Reflexionen zum Privatrecht, was Tauschformen, Arbeitsteilung und Eigentumsanspruch angehen, nicht nur auf die Französische Revolution zurückreichen, vielmehr von Kant, gleichsam phänomenologisch als Variationskonstante erarbeitet wurden: da doch sich die Rechtsmaterie gegenüber der Materie der Naturwissenschften, welche es nur mit Erscheinung zu tun hat, zumindest auf beiderlei Diimensionen, also auch auf die Sache an sich beziehe.
b) Zunächst sind es Naturforscher, Astronomen, Thermodynamiker, Feldtheoretiker, welche an Kants Nüchternheit ebenso wie an seiner Emphase, etwa des ästhetisch Erhabenen ihre Bewunderung ausdrücken. Allerdings haben sie sich nicht an die schwere Arbeit herangemacht, Kants Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaften auf die im Fortgang der Physik oder Biologie spezifizierten Hypothesen zu einer, wie Kant in seinem opus postumum sagt, transzendentalen Einheit zu bringen. Dagegen hat Feuchtersleben als Mediziner und Anthropologe tiefer gedacht: Feuchtersleben kennt sowohl die auch geschichtsabhängige "Schichtung" der Natur als auch deren Differenz zu der durch unseren Verstand zur Affinität der Vorschreibung ihrer eigenen Gesetze (und Hypothesesen) gezwungenen natura naturata, als Inbegriff unserer kanonischen Gleichungen und der diese jeweils erweiternden bzw. in Frage stellenden Hypothesen.
c) Ebenso ist Schreyvogels Weg mit Spannung zu verfolgen; ist er doch, die ganze erste Kritik Kants durchlaufend, tatsächlich auf jene Dimension des Kanbon der (praktischen) Vernunft gestoßen, welche uns nach drei oder vier Richtungen treibt: Einerseits nach einer Funktionalisierung der technisch konkretisierten Naturwissenschaften durchs Moralisch-Praktische. Zweitens durch dessen Symbolisierung in der Kunst, welche die ontologische Formel des Aristoteles, gleichsam als weiterer Kanon forma schema tes ideas für die Fundierung der allgemeinen Ontologie zwar ablehnt, für die Ästhetik des Erhabenen aber gelten läßt. Schließlich geht es um die Primordialitätsrechte zwischen der unterdessen zur doktrinalen Theologie (innerhalb der Grenzen der Vernunft) herabbestimmten Urteilskraft der Selbstorganisation und des Erhabenen, anderseits um die Einheit der Frage nach dem Menschen gemäß den drei Grundfragen des Wissenkönnens, Handelnmögens und Hoffendürfens. Kants Lösung ist nicht die einer Theodizee, vielmehr die einer Anthropodizee, welche gegen Jonas und Wellmer der sogenannten äußeren Ökonomie viel weite Kompetenzen einräumt, als für gewöhnlich von den "alten" Religionen (Canetti) zugestanden. Aus dieser Gefahr heraus hat sich Schreyvogel schließlich ins Theater geflüchtet und ist gescheitert, ohne daß er eine Wiedervereinigung von Tugend- und Rechtslehre als Anfang der Menschenrechte hinterlassen hätte, wie dies gelegentlich bei Grillpüarzer, der ihn schätzte, durchscheint.
6) Bolzano füllt bekanntlich diese Lücke, indem er, wie schon Eduard Winter zeigte, das transzendentale Ideal des Kanons der Vernunft eben zu einer auf Gesellschaftsgeschichte hin projektierten Instanz und zum Prinzip seiner materialen Wertethik des uns möglichen Glücks für die meisten macht. Wie genau hier immer zwischen den etwa von Leibniz wohl unterschiedenen Perspektiuven von felicitas publica und beatitudo differenziert ist, wäre noch über E. Winter hinaus zu untersuchen.
7) Hier also, zwischen Reinholds Engführung des "Transzendentalen" des ersten Kanons und seiner Fortführung zu Herbart- Peithner, sogar teilweise Zimmermann und gelegentlich zu Brentanos Ablehnung der Synthesis des Überganges vom ersten zum zweiten Kanon bis zu Husserls kategorialer Anschauung in den 6. Logischen Untersuchungen ist eben der Bruch gegenüber dem letzten Kanon der reinen ( aber praktischen) Vernunft, nämlich dem Affinitätsideal zwischen cognitio ex datis und ex principiis passiert. Bolzano hat zwar seine Konzeption des dritten Kanons probeweise durchgeführt, diese aber gerade nicht auf den zweiten Kanon zugespitzt, wie dies Sebestik in einer entsprechenden Studie zeigt.
8) Robert Zimmermann, welcher Bolzanos Werk fortzuführen bestimmt war, hat einen ästhetischen Schlenker in seine neuerlich gespannte Spannung zwischen Ästhetik und Kunsttheorie gemacht, welche die Wiener Kunsthistorische Schule fast mehr beeinflussen sollte als Nietzsche und Schopenhauer die Wiener Künstler, wie anders Wieland Schmied vermeint. Selbst noch in seiner "Anthroposophie" beläßt er, Hegel durch Herbart spiegelnd, die sogenannte Realitätsnähe von Bildekunst, Bildungskunst und Bildender Kunst, nachdem er sich den Ansatz aller dieser letzterer durch "Logik" und "Naturontologie" freigespielt hat. Vermutlich ist demnach auch Richard Wahle und Ludwig Wittgenstein recht zu geben, daß die Basis von Zimmermanns objektivem Geist der Bildung schon deswegen nicht zurande kommt, weil die Bildende Kunst der politischen Theorie Zimmermanns es eben nicht mit der schon beginnenden Schrecken der Postmoderne zu tun hat. Deswegen wird es auch nicht möglich sein, den von Zimmermann auf das Erbe der bloßen Bildung Herbarts beschränkten Anthropologie auf einen zunächst offengelegten Widerstreit zwischen engster Anthropologie (Hegel) und weitester Anthropologie ( Kant) auszulegen Diese Antagonismen zweigen sich noch bis in Heideggers und Husserls Vorträge zu Phänomenologie und Anthropologie von 1931 und 1932. Während Heidegger die fundierende Anthropologie des Gattungswesens längst in sein bloß national eingeschränktes "Dasein" als "Thing"-Versammlung des Seins einzugeschränken sich anschickt - man lese seinen § 75 von Sein und Zeit" - , wirft Husserl, nicht ganz unähnlich Heidegger, der Anthropologie einen Zirkel vor, Empirisches durch Empirisches zu fundieren; weder Heidegger noch Husserl haben sich jedoch als Vollstrecker der infamen Kindesweglegung Hegels 1817 und 1830 besonnen: Phänomenologie als Schrumpfkopf zwischen Anthropologie und Psychologie werden als Stufen des subjektiven Geisztes so beschrieben, daß Phänomenologie nunmehr bloß Kants partikulärer Tanz um die Erscheinung der Sache selbst sei, diese jedoch - trotz dessen vielfacher Verweise aus dem Spiele bliebe-; Anthropologie wäre höchstens als Basis für Ethnographie anzusehen, der Zivilisation und ihrer Gewalten nicht gewachsen.
9) Alois Dempf hat im Anschluß an Scheler und Cassirer die Anthropologie, allerdings als phänomrenologisch-theoretische wieder zu Ehren zu bringen versucht, nämlich eine Zentralinstanz der Verfügbarkeit der Lebensmächte zu sein. Es fragt sich, ob in Dempfs bloß "theoretischer Anthropologie" gegenüber der Dominanz einer etwa durch Schütz oder Vögelin oder Gehlen oder Parsons oder Luhmann vorgestellten Vernetzung der Zivilisationsstränge ( "fringes") die theoretische Anthropologie standhält, namentlich dann, wennn kritische Vernunft es jetzt mit der dritten industriellen Revoliution angesichts der "Antiquiertheit des Menschen" ( G. Anders) zu tun hat: Die erste konnte noch durch den Kanon Kants in seiner Ausübung der Vernunft in der Geschichte ebenso aufgefangen werden wie die zweite, da nun, mehr Maschinen erzeugende Maschinen unsere Motive bestimmen. Wir brauchen vielleicht gar nicht Freud, um unser Gemüt davor zu schützen. Für die Erpressung der Vernunft, da sich in der dritten Revolution nun die ABC Waffen gegen die Produzenten wenden, sind wir nicht vorgefaßt; die Situation des immer notwendigen Überganges vom dezenten Überleben in die Verteidigung der Würde (A. Schütz) bedarf eines Bündnisses zwischen auch praktisch, strukturell und naturontologisch orientierter Phänomenologie mit kritischer Anthropologie.
10 a) Wir stellen also Einbildung als Resultat der durch Zertrümmerung des Gattungswesens ( durch Diderot und Heine, von Hegel und Marx rezipiert) entstandenen Scheinmündigkeit, Resultat einer nur vorgegebenen Aufklärung, vergangene Zukunft, dar. Das Resultat, als Spannung zwischen Lebewelt (Brentanos bürgerliches Residuum von Bolzanos glücklicher Gemeinschaft) und Lebenswelt ( Husserls Rückzug ins Provinzielle), wird zur nationalen Enge des Daseins, ohne Chance auf Erweiterung zu den Bedingungen des Weltbürgerlichen.
b) Bildung ist die durch Herbart statt durch Marx hindurchgegangene Verhinderung der Spaltung der multikulturellen Gesellschaft in die zweiklassige Zivilisation: Schon unsere mitteleuropäische geographische Diversifikation hat diese Form von Zweiklassigkeit verhindert, die unausweichlichen Desaster einer mündig werdenden unmündigen Gesellschaft sind durch das Staatsbeamtentum und die große Industrie verhindert worden. Rerum Novarum kommt mehr als 150 Jahre zu spät. Die Ikonographie der Kirche zu St. Veit am Vogau bei Straß in der Südsteiermark ist deshalb, auch mit Bezug auf Pius X. und den Träger des Ciboriums, ein Fehlgriff: Nicht Euch habe ich gemeint, lassen die Plakate von1932 den Pantokrator gegenüber den Prälaten sagen und keinen Zweifel. Was wir zuletzt von der Phänomenologie in der Spannung und Sezession der zur Vorstellungsdialektik oder Assoziation von Reinhold bis Brentano verkommenden Synthesis unserer Anschauung und der Präsenz des erweiternden oder verengenden Ideals von Bolzano bis Husserl vielleicht immerhin noch lernen können, ist jene Schule des Sehens, um deretwillen Kokoschka 1935 zu Husserl nach Prag reiste.
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