GPKA
Gegründet 1986

Startseite

Die Gesellschaft

Publikationen

ProtagonistInnen

Links


Discussion

Recent Discussion

Create New Topic


Arthur Koestler. Die Abenteuer, die Ordnung und das Glück

Michael Benedikt


I. Einleitung

In meinem ursprünglichen Titel habe ich das erste Thema ohne bestimmten Artikel vorgestellt, also Abenteuer, die Ordnung und das Glück.
Abenteuer ist aus Behaglichkeit, Ordnung aus Zufall oder Unordnung, Glück aus Melancholie oder unabsehbarem Leid zu verstehen. Die verschiedenen Antagonismen, die schließlich im Temperament des Melancholischen, welches ein Charakteristikum für den Philosophen ist, sind gemäß Galen oder Kant neben dem Sanguiniker, dem Phlegmatiker, dem Choleriker konzentriert. Koestler selbst sieht immer den Kontrast des Abenteuers antagonistisch zu dem Schutz des Nesthockers, der Ordnung gegenüber dem Zufall oder gar der Unordnung, oder aber Behaglichkeit, oder das Glück immer im Gegensatz zu den unausdenklichen Qualen nicht bloß des ontogenetischen, vielmehr jetzt des in die Hände unserer Spezies gelegten phylogenetischen Endes der ABC Zerstörung; **als Agnostiger und Renegat, der er war, kann er seinen eigenen ernüchternden Untersuchungen zu Ordnung oder Glück auch einfach das Abenteuer entgegengehalten. Allerdings finden wir auch bei ihm - etwa als Manifestation der akausalen Synchronizität Paulis und C.G.Jungs und der damit verbundenen Metakausalität David Bohms - der schwarzen Löcher oder Bikoinzidentien Feynmans oder der absurden Phagie von niedrigen Organismen bis zur Menschengesellschaft - jenen umgreifenderen Raum gegenüber dem gekrümmten der zylindrischen Hierarchie, welcher dem entspricht, was zuletzt Herbert Pietschmann in meinem Samstagseminar der antagonistischen Wirklichkeit gegenüber den dialektischen Kausalitäten genannt hat und der sich entziehenden Realität entgegenstellt.**
Übrigens ist noch an ein oder die andere Schwierigkeit zu erinnern, daß im Sinne des anthropischen Prinzips sich zwar unter Bedingungen von Reihungen des unwahrscheinlichsten Zufalls eine Menschwerdung der Evolution interpretieren läßt, daß aber unsere verschiedenen Zeitberechnungen dafür einfach nicht ausreichen. Dies haben schon Leibniz und seine Nachfolger, ebenso wie Koestler selbst nicht ohne Sarkasmus durch den Titel der fulguration divine auszugleichen versucht. Denn Koestlers Position ist wahrlich nicht die einer apologetischen Theodizee; sodann ist es einem Wissenschaftler unangemessen, die Evolution zu hypostasieren, was nicht nur Koestler, ebenso Bertalanffy, natürlich Lorenz und vielen anderen leidenschaftlichen Vertretern der teleonomen Zeitordnung und ihrer Kanons passiert; daß schließlich auch Koestler der nach obenhin offenen wie auch immer gewundenen Pyramide eine demnächst stattfindende Begegnung mit UFOS oder weiterentwickelten galaktischen Zeitgenossen auch nur zumutet, ist einigermaßen kurios; und zuletzt ist es eines Philosophen unwürdig, in den Gang der Naturontologie selbst die Dimensionen der Gesellschaftswissenschaf-ten und der Geisteswissenschaften einzubinden, zuletzt auch noch die Philosophie zu einer Modifikation der Naturontologie, wie im Gefolge des Sir Karl zu degradieren. Daß Arthur Koestler dieser Selbstschußfalle manchmal entgangen ist, verdankt er immer noch dem Rest des frühen humanistischen Marxismus, der ihn seit den späten zwanziger Jahren, ganz zu schweigen seit seinem Beitritt und Austritt aus der Kommunistischen Partei Deutschlands nie ganz im Stich gelasssen hat. Es sei allerdings dahingestellt, ob es besser ist, philosophisch einer Naturontologie oder aber philosophisch einer Gesellschaftsontologie des dogmatischen, ich meine nicht des doktrinalen Marxismus anzugehören als etwa der liberal-kapitalistischen Form der Einheitswissenschaften einer mehr naturwissenschaftlich oder gesellschaftswissenschaftlich pointierten Färbelung eines Popper oder eines Friedrich A. v. Hajek. Schließlich haben wir Arthur Koestler dankbar zu sein, nicht nur, daß er uns die Bekehrungsgeschichte als Renegat aus einem doktrinären Stalinismus präsentiert: Vielmehr daß er uns einerseits die Sinne gegenüber dem westlichen Industriekapitalismus, dessen Globalisierung, schärft; vor allem aber dafür, daß er unserer Anthropologie, auch der philosophisch-kritischen Anthropologie, den Boden jener Schichtung verleiht, was Natur, auch Geschichte aus uns gemacht haben. Was wir als intelligibler Charakter daraus und aneinander, im besonderen mit Blick auf die Relationen, auch auf die abstrakten, des empirischen Charakters im Kontrast teils zur Naturschichtung, teils zu unserem intelligiblen Charakter, einander antun, ist eine andere Geschiche, die ich eher der Diskussion als meiner Darstellung überlassen will. Zuletzt darf ich für die Einleitung noch erwähnen, daß an meiner Stelle besser Dr. Anthony Löwstedt von der Webster University hier stehen sollte, ein ehemaliger Schüler, jetzt mein Lehrer, dessen Magisterarbeit zu Arthur Koestler ich für die Basis eines Doktorates seitens der Universität Wien nostrifizieren ließ. Zumindest ein Dialog mit ihm wäre für diese Veranstaltung besser gewesen als ein auch noch so lockerer Vortrag. Wie immer hat die Zeit für derartige Regie nicht gereicht. Ich bitte Anthony um Nachsicht.

II. Abenteuer

Meine ganze Darbietung könnte, wie gesagt, lauten: Abenteuer; ich möchte mich aber hierfür so kurz wie möglich halten, weil vier bis sechs der schon präsentierten Vorträge ohnedies diesem Thema gewidmet sind. Nur bitte ich Sie, wie zuvor, immer auch das antagonistische Gegenteil mitzubedenken. Die antagonistische Figur zum Abenteuer ist jener geordnete Lebensslauf, den sowohl Koestlers Eltern, als auch sein Großvater, ein aus der russischen Levante zwischen Schwarzem Meer und Kaspischer See, sich immerfort nach Ruhe und Ausgeglichenheit sehnender Immigrant in einem heilen Budapest vorgaukelt. Arthurs Vater ist Phantast, der unter anderem für eine Briefverschlußmaschine und für radioaktive Seife jeweils den Rest des Vermögens verpfuscht, seine Mutter ist Wienerin, aus bürgerlichem Haus. Immerhin wird es noch reichen, daß Arthur das Realgymnasium in Baden bei Wien besucht, später sogar an der Technischen Hochschule zu Wien Naturwissenschaften studiert. Kurz vor den Schlußexamina vernichtet er sein Testat- und Studienbuch, reißt die Brücken zur Geborgenheit nach der Lektüre Herzels, Jabotinskis und den Gesprächen mit Dr. v. Weisel ab, zugleich die Brücken zu familiarer Geborgenheit. Zu Arthurs Ehre ist zu erinnern, daß er, wann immer es ihm in seinen Darbejahren möglich war, seiner unglückli-chen Familie, die zum Teiil durch den Nationalsozialismus ums Leben kam, Subsistenz verschaffte. Gestatten Sie noch einen kurzen Seitenblick zu Unordnung und zum Unglück: Weder sieht Koestler die Katastrophen dieses Jahrhunderts heraufkommen, die Frithjoff Capra mit der in Unordnung resultierenden Spaltung des Atomkerns, welches System bald aus relativer Ordnung eines Mendeljewschen miniplanetarischen elektronischen Musters im Sinne Nils Bohrs erwacht, noch auch die von ihm eingeleiteten weltverän-dernden Analysen der Zellstrukturen, namentlich der Doppelhelix, ihrer gegenwendigen Ribo- und Desoxiribonukleinsäure, deren alphabetisch kombinierbaren Codes und der Botenribonikloinsäure und ihrer Wirkung auf das heute in vollem Schwange und nicht rückgängig zu machende Experiment des genetic engeneering eingeleitet hatte. Koestler ist Zeitzeuge und Systemtheoretiker dieser neuen, auf Zufall und Unordnung beruhenden angeblich schöpferischen Strukturen.
"Der Pfeil ins Blaue" berichtet von seinem akademischen Abgang über das Abenteuer in den frühen israelischen Kibbuz, zum Berichterstatter in Israel und Ägypten, seine Flucht nach Frankreich, Anstellung beim Ullstein-Konzern, in einem mit den faszinierenden Visionen als Expeditionsteilnehmer im Grafen Zeppelin bis zum nördlichen Polarkreis, Auffinden neuer Archipels, Löschung bloß durch geographische Gesellschaften, einschließlich der Coronelli-Weltbund Fehlerquellen; Bericht auch bis zum Eintritt in die Kommunistische Partei und Austritt aus dem Ullstein-Konzern, der Voßschen Zeitung etc.; die weiteren Aufzeichnungen überschneiden sich, sodaß man sich am besten an seine eigenen Aufzeichnungen hält: Der Pfeil ins Blaue und Geheimschrift wurden später zusammengefaßt in den Bd. I der autobiographischen Schriften "Frühe Empörung". Während die "Nachtwandler", also seine Flucht von Spanien in die englische Armee, als auch "Abschaum der Erde "( Scums of the Earth) unter letzterem Titel zusammen veröffentlicht wurden, nicht ohne Rückbezug auf den ersten Teil des Oeuvre zusammen mit seiner vierten Lebensgefährtin Cynthia Koestler, "Auf fremden Plätzen" 1940 -1956; mit dieser getreuen Freau hat der an Parkinson und schweren Depressionen geschlagene Autor denn auch 1984, auch im Angesicht von Aldous Huxley überhandnehmenden Katastrophen-Visionen seinem Leben ein Ende bereitet.
**"Die Lebenserinnerungen", deren Frische rechtzeitig mit der ihnen entsprechenden Distanz zu fassen sind, " die hier in zwei Bänden erscheinen, bestanden ursprünglich aus vier Bänden: Ein spanisches Testament (Zürich 1938), Scum (Abschaum) of the Earth ( London 1941) und The invisible Writing ( London 1954), deutsch Die Geheimschrift, München 1955; Ein Spanisches Testament schrieb ich auf deutsch, die anderen drei Bände auf englisch; ich lebte seit 1940 in England, dessen Staatsbürger ich erworben hatte., aus dem ehemaligen ungarischen, dann deutschen Schriftsteller war ein englischer Autor geworden. Scum of the Earth erschien im Rahmen dieser Sammelausgabe zum ersten Mal in deutscher Sprache; die anderen deutschen Fassungen sein seit vielen Jahren vergriffen. Die gekürzte Version von Der Pfeil ins Blaue und etwa die Hälfte der Geheimschrift bilden den Inhalt des Ersten Bandes, der die Jahre von 1905 bis 1936 umfaßt. Der Zweite Band, in dem sich die Jahre 1936 bis 1940 spiegeln, enthält die restlichen Studien." (Abschaum der Erde) Berlin 1993.**
Dem Genre, der weltbürgerlichen Sicht, der Akribie der Recherche und dem Engagement des Berichterstatters, seine unerbittliche Distanz zu Nationalsozialismus und differenziert ablehnende zu Faschismus, würde ich die vorliegenden Schriften mit Pierre van Paassens Days of our Years, N.Y 1940, vergleichen, dessen Text dem deutschsprachigen Publikum allerdings noch unbekannter ist als die vorgelegten autobiographischen Skizzen Koestlers oder diejenigen Canettis, Elias´ oder Sperbers.
Auch meine hier getroffenen Zuordnungen des Romanwerkes sind karg.
So beziehen sich sowohl "Promise and Fulfillment" wie Auch "Diebe in der Nacht" auf den zweimaligen längeren Aufenthalt Köstlers in Palästina, zuerst als mißglücktes Mitglied eines Kibbuz und anschließendem Aufenthalt in Tel Aviv, dann als Sonderkorrespondent des Manchester Guardian ( von den Aufsätzen für die Neue Freie Presse kann hier die Rede nicht sein) , auf seinen Aufenthalt im Gelobten Land und in Ägypten. Wogegen sich die die Romantrilogie Die Gladiatoren, die Sonnenfinsternis und Ein Mann springt in die Tiefe auf die Ethik der Revolution , der russischen, der ungarischen, der spanischen beziehen - als getarnter Berichterstatter und schon Kommunist hatte sich Koestler ja relativ frei ab1932 ein Jahr in Rußland bewegen können. Eine besondere Rolle nimmt der Roman : "Gottes Thron ist leer" (Ursprünglich "The Age of Longing") ein. Es handelt sich um eine Liebesgeschichte zwischen einem amerikanischen Mädchen aus bestem Hause, Offiziersfamilie, und einem russischen Agenten der GPU in Paris. Die Episode endet tragisch, als das ursprünglich für die humanistischen Ideale schwärmenden Mädchens, die Hintergründe der Säuberungen, die Intrigen der Komintern, sowie die menschenverachtenden Aktionen der Schreibtischtäter, die Atom-Experimente mit Hunderttausenden im Zeitalter des Kalten Krieges zur Kenntnis nehmen muß. Es tut sich hier, wie schon in seiner Romantrilogie, eines der Zentralthemen Koestlers, die naturali-stisch interprretierte Widersprüchlichkeit des Renegaten auf: Demnach zeige sich eine grundsätzliche Unordnung in unserer limbisch-gefühlsmäßigen Sphäre gegenüber dem Organisationswahn des alles überlappenden Großhirns: Einsicht des Yogi gegen Ordnungswahn des Kommissars: Die psychosomatische Störung der Konstitution werde also "evolutiv" fortgesetzt, macht die entropischen Pfade zu Gemeinschaftskatastrophen, zur Weltkatastrophe, und dies unausweichlich. Worauf Koestler nicht Bezug nimmt, ist der Bruch zwischen rechterrationaler und linker imaginativer Gehirnhälfte, wenn er sich auch zwei Mal auf die bisher ungeklärte Funktion des "Balkens" bezieht . - Der Todesschuß der Tochter des amerikanischen Obristen, Hydie, auf den Aganten und Schreibtischmörder Fedya wird den Status des vorpubertären Menschen in einer technisch erwachsenen und überwuchernden Welt ein Ende setzen; der Funktionär der Menschheit, ein bei Karl Mannheim, selbst bei Edmund Husserl durchbrechen-der Gedanke, ist der Inkommensurabilität zwischen lymbischem System , also dem des Prämammalen und des Postmammalen im Zeichen kollektiver Affekte nicht gewachsen: Die vollausgebildete, aber tumorartig überwuchernde Großhirnrinde der Menschheit lotet unsere prämammalen Strukturen nicht aus. Damit ist das Gruppengebilde der Menschheit weder dem janusgesichtigen Gefüge der chaotischen Basis des lymbischen Systems, auch nicht einem anzustrebenden Equilibrium von antagonistischer Struktur im Kleinhirn, noch den Perversionen aus womöglich horizontalem Bruch der Cortex gewachsen. Sind wir also lorenzianische Attrappen als Irrläufer der Evolution, die einer Gehlen´schen Sublimations-Kompensation als hierarchischer Organisation zum selbstmörderischen Überleben auf Dauer benötigen?

III. Die Ordnung

Im Grunde kann all das Vorangehende aus dem kleinen Sammelbändchen: "Ein Gott, der keiner war", mit einem Nachwort von Franz Borkenau, Europa Verlag 1950 ( The God that failed) aus dem Kapitel Arthur Koestler, S. 19 - 72 entnommen werden, eine präzise Selbstdarstellung. Allerdings geht Koestler hier kaum auf seine radikale Wende ein, die ihn umwegig genug wieder zu seinem abgebrochenen Studium zurückführt und zugleich, etwa in den Strategien der Verteidigung des gemäßigten Lamarckismus- man denke an Kammerer oder auch an die Diskussion zwischen C.G. Jung und den jüngeren Pauli-, doch immer noch in seine marxistische Seele blicken läßt.
Im August 1968 veranstaltet er zusammen mit dem Erkenntnistheoretiker J. R. Smythies von der Universität Edinburgh unter dem Vorsitz des Professors für Vergleichende Verhaltensforschung W. H. Thorpe aus Cambridge ein Symposium in Alpbach. An dessen Spitze setzt Koestler ein Bekenntnis, das für ihn, wie ihm von vielen seiner Kollegen eingebläut, eine Suche nach der verlorenen Zeit ist: Nicht die Partei oder eine bestimmte Utopie, eine bestimmte Gesellschafts- oder Lebensform seien die Vorhut der Community of Investigators, vielmehr gelte jetzt auch "seit 1o Jahren" Koestlers Hauptinteresse" der Geschichte und dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaften sowie ihrem Einfluß auf unser Weltbild." In: "Das Neue Weltbild." Hrsg. A. Koestler und J. R. Smythes. Wien 1970.
Sein eigener Vortrag "Jenseits von Atomismus und Holismus - der Begriff des Holons" S. 192 ff., ist beeinflußt sowohl von Ludwig von Bertalanffy, Konrad Lorenz und Ilya Prigogine, weniger von Viktor Frankl, und soll eine "Studie zur allgemeinen Systemtheorie " S. 192 darstellen, dabei nicht bloß interdiszi-plinär, etwa im Bereich der Naturwissenschaften und ihren formalen Algorithmen, vielmehr auch der Gesellschaftswissenschaften, deren Dialektik, und sogar der Geisteswissenschaften und deren Hermeneutik ein umfassendes "Weltbild" ergeben. An den abgedruckten Vortrag knüpft sich eine lebhafte Diskussion von philosophisch nur medioker Gebildeten Spezialisten, vielmehr zunächst noch eine abgedruckte, vermutlich auf hand-outs verteilte Kurzfas-sung der verwendeten Ausdrücke. Köstler hatte diese zum Teil schon in seinen Untersuchungen: Das Gespenst in der Maschine Bern 1967, sowie in dem Werk "Der göttliche Funke", vor allem im zweiten Teil, ebenso wie später in: Die Wurzel des Zufalls" Bern 1972 festgehalten.
Die Hauptsache des barocken Werkes von Koestler ist, abgesehen von dem erwähnten Inventar, folgende: Das Weltall ist ein in sich gekrümmter Kegelpyramidenstumpf, deren je weiterer Umfang , zusammen mit je anderen Konfigurationen dieser Art nur durch Zufall, Extra-Sensory-Perception, UFOs, Binukloide Zwillingspaare, akausale Synchronizität, Mystik oder "Basic Reality" zugänglich ist, worauf sich z. B. gelegentlich der hochangesehene theoretische Physiker Herbert Pietschmann, ganz zu schweigen von Frithjof Capras Der Kosmische Reigen, Bern 1977, beruft. Auf Parallelen zu feröstlichen Konzepten möchte ich hier nicht eingehen, ich hatte zwar einige japanische Schüler, inzwischen Universitätsprofessoren, wir waren aber übereingekommen, diese Grenzphänomene menschlicher Erkenntnis zu ignorieren, ebenso wie ich seit meinem Buch "Heideggers Halbwelt" die notorische und widerrufene Angelegenheit: Die "Wissenschaft denkt nicht" selbstverständlich als Grenzphänomen des willkürlichen Erkennens stehen lasse.
Koestler geht es, wie gesagt, in den genannten Arbeiten um ein systemthe-oretisches Modell einer selbstregulierenden offenen Ordnung, welche er hauptsächlich aus Bertalanffys "Das biologische Weltbild", Bern 1949 und einige seiner späteren Aufsätze mit Bezug auf hierarchische Ordnung und deren relationales Gleichgewicht, abzuleiten scheint.
Bertalanffy seinerseits bezieht sich in seinem Symposiumsbeitrag nicht nur auf Kuhns " The Structure of Scientific Revolutions", Chicago 1962, aus Rosen´s Lex parsimoniae als eines der "Optimality principles in Biology", London 1967, auf Ilya Prigogines Arbeiten, z. B. Steady states and Entropy production" Physica 31/ 1965 719-724, sondern auch auf Karl S. Trincher´s Biology and Information: Elements of Biological Thermodynamics. New York 1965.
Im Grunde geht es sowohl Prigogine, Bertalanffy, Rosen und Schrödinger und vor allem Koestler (Vgl. Der Mensch-Irrläufer der Evolution 1978, S. 258) um eine Umfuktionalisierung des Rudolf Clausius´schen, später von L. Boltzmann algorithmisch funktionalisierten zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, also des Entropiegesetzes zeitlicxher Orednungsabnahme bis zur Verkühlung des Universzums.
Es sind aber drei bzw. vier Hauptprobleme, mit denen sich die Genannten, besonders Koestlers Systemtheorie herumschlagen: Dem Entropiegesetz hat auch eine Negentropie und deren Zeitpfeil (Prigogine: Time - only an Illusion?) zu entsprechen. Also nicht nur Bosonen, Quarks, Elektronenpartikeln, ihre Zwillingspaare und Fyenman´s umkehrbare Zeit sind hier Problem , vielmehr das alte Richtungssystem der je vollkommeneren Einheit bei je größerer Vielfältigkeit. Das dem Zeitpfeil entsprechende hierarchische System muß nach unten, gleichsam dem "Urknall" gegenüber offen sein, was auch immer diese Hypothese seit Kant für antinomische Probleme des Anfangs dem Geübten und Ungeübten stellen mag. Jedes einzelne autonome Kraftzentrum muß nach unten autonom, als Einheit wirken, nach obenhin jedoch einer Integration offenstehen; zugleich bestehe eine quasi präformierte Korrelation zwischen den Steuerungs-Regelkreisen der von Koestler zu "Holonen"umgetauften Monaden. Zuletzt habe jedes System, dessen Krümmung einen Außenraum, ebenso wie jede Einheit gemäß den Regeln der Gerechtigkeit auch als Modul für gesellschaftliche Verhältnisse im Tier- und Menschenreich anzuwenden und die Spannung von "Autonomie" und Integration auszuhaltenist. Derart offene Systeme nennen wir dann auch einerseits nach ihrer Basis - mit Schroedinger - als auch nach ihrem Scheitel oder Cortex - gemäß Prigogine - offene Systeme. Bertalanffy hatte in seinem Vortrag vom Zusammenhang dieser Komplexionn dynamischer Art, zwar terminologisch uneinsichtig, sachlich aber nicht unzutreffend, gemäß dem Leibniz- Lagrange´gen Prinzip des kleinsten Aufwandes bei größter Wirkung von einer "Mathesis universalis S. 218 gesprochen, also, wie gesagt,einer in sich gekrümmten nach oben und unten offenen zylindrischen Pyramide.
Der hier ständig im Wege stehende Kanon Arthur Koestlers im Sinne seiner janusköpfigen Holons und ihrer hierarchischen Ordnung ist schon bekannt und ließ in seinem Alpbacher Vortrag , seinen Diskussionen, ebenso wie in den Werken zuvor, wie z. B. das Gespenst in der Maschine und nachher Der Mensch- Irrläufer der Evolution, eine ambivalente Struktur zurück. Betrachtet man Koestlers Struktur genauer, so wie dies Bertalanffy S. 78, Smythes und Kety S. 244, 323 präsentieren, so trifft man zunächst auf die Ordnungsstruktur monadischer Harmonie. Diese Ordnungsstruktur hat nur den einzigen Schönheitsfehler, daß sie, wie Köstlers Monaden als Hierarchien von Holons entsprechende Öffnungskoinzidenzen als Innen- und Außenstrukturen besitzen müßten. Diese ist bekanntlich für Leibniz sowohl für sonst durchlässige wenn auch gefilterte Perzeptionen als auch für die über sich hinaustranszendieren-den Formen des conatus als Tätigkeitsmuster durch die prästabilierte Harmonie gewährleistet. Deshalb auch brauchen für den barocken Leibniz Monaden, auch deren Perzeptionen, keine Fenster.
Die Neuropathologie ebenso wie die Genetik und Gehirnchirurgie kennen sowohl für informatorische Rezeptoren, also Reizaffektion innerhalb des uns zugänglichen (etwa gegenüber Fledermäusen oder Delphinen) beschränkten Sinnesbereiches als auch für den motorischen Systemkreis zunächst der Funktionalität Einwirkungs- und Entfaltungsmöglichkeiten, welche eben die Monadizität und deren motorische Hierarchie im strengen Sinne durchbrechen und dadurch ausschließen. Womöglich bleiben die synthetischen Einheiten kreativen Formen kybernetischer Steuerungssysteme in der Anpassung nach außen, ebenso wie in der Entwicklung der inneren Differenzierung die einzigen Monadenreste. Vielleicht können wir annehmen, daß entgegen einigen Vermutungen Köstlers und vielerlei Versuchen Aldous Huxleys und sogar Jean Paul Sartres, um nur einige zu nennen, Blockierungen der Kreativität in einem mit den sensorisch-motorischen Gestaltkreisen ( und eben nicht Apparaten) sich der Shakespeareschen Konstellation: Like flies to wanton boys are we for Gods, they kill us for their lust umgeschlagen hat in: Like flies to wanton boys are Gods, they kill them for their lust: Monaden sind nach Leibniz aber widerständiger als selbst Götter, selbst nachdem er ihnen eine Hierarchie von künstlich Handelnden Individuellen gegenüberstellt, wie etwa u.a. Hans Heinz Holz zeigen, gehen sie auch durch Kunst nicht ein, degenerieren nicht, sondern erhalten Fenster, wenn anders es eben eine phänomenale objektive Realität gibt. Nach Leibniz´ zurückgehaltenem Werk Theodizee ist unsere Natur-Welt immerhin eine Pyramide, in welchem Umkreis und je größerem Raum und welcher Krümmung auch immer. Ihre Konstituentien sind Monaden, Koestler nennt diese Monaden Holons und schreibt ihnen eine Art natürlicher Unzerstörbarkeit, als kybernetische Zentren von motorischer und rezeptorischer Informatik zu:

a. Ihre Basis ist nach unten offen bis zur Antinomie des Urknalls.
b. Ihr Scheitel, Cortex, ist nach obenhin entwicklungsfähig.
c. Entwicklungsfähig dann, wenn sich Untereinheiten und ihre Überlappungen zu je größeren Integrationen fügen.
d. Wenn sich Verzweigungen (overlappings nach James und Schütz) bilden können.
e.Wenn sich für derartige Regelkreise oder Kanons adaptive Informations- und Wirkungsstrategien ausbilden können.
f. Wenn onto- und phylogenetische Stufungen aufeinander abstimmbar sind, wenn also Überschuß oder aber Retardierung im Ganzen gruppenspezifisch tolerierbare Fehlleistungen auffangen können.
g. Wenn Filterfunktionen der Rezeptoren mit den Auslösestrategien und deren Codes koinzidieren.
h. Wenn sich höhergeregelte spezialisierte Organismusteile mit niedrigeren arbeitsteilig aufeinander einspielen.
i. Wenn diese Correspondence und Arbeitsteilung nach Optimierung und Ergänzung von Ausfällen vor sich geht, wenn also die höher organisierten Regelkreise der Information mit den motorischen und sensorischen Informationskreisen gemäß ihren Verflechtungen und Verzweigungen passen.
j. Wenn Energieabfall oder Müll (Entropie) durch Höherorganisation (Negentropie) in je weitere Umkreise einbeziehbar ist, bzw. tolerierbare Grenzmarken gegenüber jenen ausgebaut werden.
k. Wenn die Koinzidenz (Harmonie von Hierarchien) mit den Umwelten der je eigenen Hierarchien je für sich oder in einem erweiterten Strukturkomplex von Raum-Zeit übereinstimmen.
l. Wenn die Entlastung je anderer Systeme zugunsten der Belastung und Innovation je höherer Systeme übereinstimmt, zugleich aber die Chance und Option besteht, dieses Zusammenstimmen in einer Form der Gerechtigkeit des Ausgleiches gegenüber "niedrigeren Systemen" zu gewährleisten.
m. Wenn das Verhältnis von autonomer (Leibniz spricht von autarker) Funktion und integrativer Funktion auch in anderer Weise als hierarchisch, also nach Freiheitsmaximen gelöst werden kann.
Wnn das Zusammenstimmen von perzeptiven Filtern und operativen Codes eben nicht kybernetisch, vielmehr nach korrespondierenden Gestaltkreisen vor sich geht.
n. Wenn sich die organische und autonome Außenansicht mit der integrativen Innenansicht von komplexen Geschehen im Zusammenhang eines Fließgleichgewichtes zu neuen Formen des overlapping, von hier zu neuen Formen der Korrespondenz zusammenfügen vermögen.
o. Wenn der Inbegriff dieses Prinzips kleinsten AufwAndes bei maximal differenziertem Resultat mkit dem Prinzip ethischer Lebensform von geringstem Resultat bei größter Leistung übereinstimmen kann, diese Übereinstimmung aber jetzt nicht mehr einem barocken Gott, vielmehr uns Menschen zur zum Ertragen und zur Kreativität kathartisch überlassen ist.

Wie bekannt, hat Arthur Koestler aufgrund der faktisch verlaufenen Evolution vor allem in seinen drei Büchern Der Mensch-Irrläufer der Evolution; Das Gespenst in der Maschine; und Die Wurzel des Zufalls ebenso wie in weiten Teilen von "Der Göttliche Funke" eine Korrespondenz, also der Zusammenstimmung von Regelkreisen, besser Gestaltkreiseen, teils für die Evolution, teils für die der Neocortex, teils für die paranoiden Gesellschaften, teils sogar für deren Vertreter, welche in die Sphäre von wirklichkeitstrans-zendentierender Realität hineinreichen, wie Gandhi, Franz v. Assisi, Jesus v. Nazareth und andere Religionsstifter und Ethgiker ausgeschlossen. Sie sind zu wenig Kommissar. Damit fällt aber auch unser letztes Koestler aufoktroyiertes Affinitätsprinzip.

IV. Das Glück

Zu der Zeit, da Leibniz an seinem System der Prästabilierten Harmonie im Umkreis der zylindrischen Pyramide der Theodizee und ihrem Herzstück, der Perle der Monade arbeitet, Perle heißt auf portugiesisch barocco, zugleich an einen aktiven Umraum dieser Pyramide denkt, welche die praktische Philosophie implizieren würde, schreibt er an zweierlei: Einerseits eben an Studien zu einer praktischen Philosophie mit Gewerkschaften, gerechter Arbeitsteilung, Lebensversicherungen, technischen Veranstaltungen zur Förderung der Konsumgüter etc, wobei der Nächste dem Nächsten nicht als Wolf sondern wie bei Lévinas als der Gott erscheine - Mensch wäre vermut-lich genug gewesen; diese Konzeption sprengt aber offensichtlich seine Kon-zeption der Monadizität, soll des Menschen naturische Umwelt, schließlich er selbst als zumindest Teil der Natur im Zentrum seiner Gestaltkreise eben nicht bloß Gespenst oder toll gewordener Wolf oder aber unerreichbarer Gott sein.
In den Jahren 1705 - 1716 führt er darüber hinaus einen ausgedehnten Briefwechsel mit dem fortschrittlichen Jesuiten Bartholomäus Des Bosses, nicht nur über Schriftzeichen, Semantik, Lebensform, Religion und Außenbeziehung der Chinesen; vielmehr geht es beiden um die Untersuchung der integrativen Kraft der Regel-bzw. Gestaltkreise jedes einzelnen autonomen Wesens teils gegenüber anderen, teils gegenüber der integrativen Einordnung, teils jedoch im Wechselverhältnis von Informations-Perzeption und Handlungscodierung.
Weder Bertalanffy noch Koestler, wohl aber Ilya Prigogine, den ich diesbezüglich vor 12 Jahren an der T.U. Wien herausforderte, hatten einen Zugang zu dieser bisher mit wenigen Ausnahmen präsenten 250 Seiten umfassenden Korrespondenz.
Zunächst geht es Leibniz um die Erkennbarkeit eines ausdrücklich vom Erkennenden unterschiedenen Gegenstandes bzw. einer Person. Zweitens um die funktionale Darstellung eines von uns verschiedenen Gegenstandes in Handlungen trivialer oder künstlerischer Art. Drittens geht es ihm um die Zusammenstimmung verschieden gestimmter Gestaltkreise der Eigen- und Fremdwelt als Voraussetzung freier Handlung. Zuletzt geht es Leibniz darum, ob und wie die Ordnungspyramiden durch ein vinculum substantiale ( Marx nennt dies das gesellschaftlich einigende Band) nach oben oder nach unten hin bzw. gegenüber je anderen offen sind.
Wenn nach oben offen, bedeutet dies für Leibniz eine Mitgenossenschaft an der Weisheit, und nur indirekt an der Allmacht oder der Allwissenheit einer angenommenen Gottheit; bedeutet dies aber auch ein Zusammenstimmen der Kunstweisheit als Inbegriff von Gestaltkreisen, von Synthesen a priori, selbst wenn wir atheistisch auf unsere Information auf Allwissenheit, auf unsere operativen Strategien oder funktionales Einheitswissen auf die Allmacht verzichten müssen. Kurzum, die Verbindlichkeit der Weisheit, anders als Allmacht und Vorauswissen, kann auch atheistisch sein.

V. Zusammenfassung

Wir sind also nicht in der Lage, authentisch die Allmacht, etwa als Kommissar oder als Technokraten zu ersetzen, ebensowenig wie wir das abgrundtief Böse eindeutig auf Evolutionsfehler zurückführen können, wie dies Koestler versuchte, um der spirituellen Begleitung des Leids zu entgehen.
Noch auch sind wir in der Lage, die Allwissenheit des Leibnizschen Gottes zu supplieren, indem wir fortgeschrittene Holonsysteme als Blaupausen auf die Welt, in der unsere Nachfolger zu leben haben, umleiten und geplanten Wissen ein für alle Mal unterwerfen.
Wir sind aber in der Lage, nicht nur die neuen abstrakten Gottheiten des Kapitals, der Bürokratie und der Technik, ihre systematische Kybernetik, zu dechiffrieren und sie im Zeichen praktischer Vernunft zu funktionalisieren. Ebenso wie wir dem spiritus malignus die janusköpfige Weisheit der Kunst streitig machen können, deren Sehnen oder, wie Köstler sagt, longing, eben nicht nur unser Wechselspiel von Dissonanz und Harmonie gilt, sondern, nAch Ingeborg Bachmann, auch die unersättliche Begierde des Dämons inspiriert.
Nur aus Koestlers beiläufiger naturalistischer Ontologie zeigt sich in Form mißlungenem englischen Understatements die Evidenz der OrdnungsErkennt-nis als AHA, die des Glücks als HA und die des ethischen Staunens als AH!
Jedenfalls ist sowohl dieses kaum harmlose Understatementebenso wie jener Streit dem heiligen Experiment des späteren Koestler vorzuziehen, der zur Befriedung der durch ihre Großhirnrinde aufgebrachten Menschheit durch Volksabstimmung Psychedelika ins Leitungswasser beizumischen rät.
Vor diesem Experiment sollten wir aber in der Lage sein, Philosophie aus den Methoden der Naturwisssenschaft, der Gesellschaftswissenschaft und der Geisteswissenschaft herauszuhalten, vielmehr philosophische Anthropologie kritisch und als jeweils zweites Auge in diese einzuführen.

This page was last updated: Sonntag, 16. Juli 2006 um 15:01:25 Uhr
Copyright 2012 GPKA
Create your own Manila site in minutes. Everyone's doing it!

Diese Seite benützt das Default Thema.